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Fluch der Karibik 4 – Fremde Gezeiten

Der vierte Teil der mystischen Reihe um den ebenso liebenswerten wie vorlauten Piraten Captain Jack Sparrow spaltet sicher die Gemüter. Alle Handlungsstränge waren beim dritten Abspann mehr oder weniger befriedigend für den Zuschauer erklärt und zusammengeführt worden und “Fluch der Karibik” hätte ein Ende setzen können, dass seiner Figuren würdig gewesen wäre.

Aber es sollte anders kommen. Der Zuschauer wird sofort in eine neue Welt geworfen, merkt von der ersten Filmminute an, dass ihn die “Fremde[n] Gezeiten” vom vertrauten Ambiente der anderen Filme entfernen. Zum Glück tauchen immer wieder bekannte Gesichter auf, obwohl einige außer einem Aha-Effekt oder einem kurzen Stimmungsmacher keine gegebene Daseinsberechtigung zeigen.

Die anfängliche Spannung verfliegt recht schnell, wenn man sich einen Überblick über Jacks Situation zu Beginn des Filmes gemacht hat – wer das Pech hatte, die hiesigen Trailer bereits gesehen zu haben, wird ohne Zweifel nicht mehr auf die Probleme des Handlungsstranges hinfiebern, sondern seinen Abschluss sehnlich herbeiwünschen um fortzufahren. Wenigstens ist die musikalische Untermalung wie immer grandios und die Verfolgungsjagden sind gewitzt gestaltet.

Umgeben von Schwarzpulvergeruch und Säbelrasseln verfolgen die Leichtmatrosen ein Ziel, dass sie – oh Wunder – mit windschiefen Gestalten und weißen Flecken auf der Seekarte kollidieren lässt. Mit Ende des Films gibt es kaum noch einen Seemanns-Mythos, der nicht für die Geschichte ausgeschlachtet wurde. Klischees werden besonders im vierten Teil entweder in das Wahnwitzige verdreht oder so tot gedroschen, dass sie nur noch als Untote aufgezogen werden können.

Leider beweisen die Figuren beim Lösen ihrer Probleme nur in zwei bis drei Fällen Kreativität – dann aber großgeistige. Viele Pointen sind zu offensichtlich. Motive sind unglaubwürdig und manchmal erscheint der Fund von Captain Flints Schatz im Sandkasten wahrscheinlicher als das Eintreten der nächsten “unerwarteten” Handlungswende, die pedantisch die Story in eine Richtung treibt.

Das Ende überrumpelt den Zuschauer gleich zweimal, wobei eine Pointe vortrefflich gelungen ist und den Kinobesucher verblüfft die Stirn runzeln lässt. Die Stimmung, die sich nach fast drei Stunden aufgebaut hat, wird dabei in einem Augenblick entladen, der durch seine Banalität beeindruckt. Das Finale enthält so einen satirischen Streich auf hohem Niveau.

Die Charakter haben sich im vierten Teil gewandelt; besonders Jack scheint mehr in Extrema zu versinken. Er ist erwachsener geworden, obwohl ihm natürlich immer noch knallhart Sprüche über die Lippen schießen und er sich frech-frivol ins Rampenlicht kehrt. Der Pirat, der sich so oft selbst auf die Schippe nimmt – der Film, der das gesamte Genre liebevoll parodiert hat – avanciert mit zwei ernsten Themen, die im Krach und Tara Hollywoods leider weder zur Geltung noch zur Abhandlung kommen. Diesen zusätzlichen Sinneswandel muss man – wenn er auch missglückt – als einen Pluspunkt werten.

Abschließend lässt sich sagen, dass der vierte Teil zwar durchaus akzeptabel ist, aber an den hohen Ansprüchen und bedingt durch seine Außenseiterrolle leidet – im Kontext zu den Vorgängern betrachtet sogar scheitern muss.

Es fehlen der frische Charme des ersten Teils und die Pointen und Intrigen, die sich im zweiten und dritten Teil mit unvergleichlicher Raffinesse aufgebaut haben. Allein betrachtet ist er für den Normalsterblichen – kann er einige Schönheitsfehler verzeihen – dennoch eines Blickes wert.

Fluch der Karibik 4 ist sicher nicht der würdigste Abschied von den rumtrinkenden, grölenden, ungewaschenen Piratencrews der See, kann allerdings als Preview auf die Zukunft gesehen werden – die ist nicht rosig, aber unterhaltsam. Für Genrefans zählt eh nur eins: Jack is back.