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Tess Gerritsen: Schwesternmord

Mit “Schwesternmord” gelingt es Tess Gerritsen dem Zuhörer eine dynamische Geschichte vorzulegen, die das Gleichgewicht zwischen der Vermittlung medizinischen Wissens, Spannung und menschlicher Psyche hält. Der sogenannte Medical Thriller überzeugt außerdem durch die Stimme Katharina Thalbachs. An wichtigen Stellen schafft sie es die notwendige Atmosphäre nur durch Stimmmodulation zu verdichten.

“Schwesternmord” erzählt die Jagd von Detective Jane Rizzoli und Pathologin Maura Isles auf den Mörder der Schwester der Letztgenannten. Isles – eben von einer Reise zurück nach Boston gekommen – sieht sich mit einer Leiche konfrontiert, die nicht nur die gleichen Gene wie sie besaß, sondern auch die Tür zur Vergangenheit aufstößt. Der Pfad dieser Verfolgungsjagd führt beide Frauen zu einer morbiden Gemeinschaft von Leuten, denen man das Attribut menschlich nicht mehr zuordnen kann. “Schwesternmord” ist der vierte Band einer neunteiligen Reihe, die sich um das Leben der beiden Protagonistinnen dreht. Eine Vorkenntnis der anderen Teile ist nicht notwendig, um die Handlung des Thrillers nachvollziehen zu können.

Der Einstieg in die Geschichte ist anfangs etwas schwierig, da Gerritsen auf drei verschiedenen Erzählperspektiven arbeitet, später aber nur noch zwischen den letzten beiden springt. Fiebernd erwartet man, dass die Handlung zum ersten Mord zurückkehrt, wird aber bis zum Ende des Hauptteils darüber im Dunkeln gelassen. Generell sind die Handlungen einiger Charakter nicht immer rational und stehen im Widerspruch zu den Möglichkeiten, die der Zuhörer den Figuren zugestehen würde. Der schwache Eindruck einer konstruierten Geschichte bleibt, aber daran sollte man sich nicht stören. Stärke beweist Gerritsen durch die Schilderung der psychischen Verfassung der Opfer. Überraschend ist auch das Ende eines Haupthandlungsstranges, wird es doch diesmal nicht wie sonst üblich durch die Protagonisten erreicht.

Obwohl Isles Suche nach dem Mörder ihrer Schwester stellenweise im Sand verläuft, ist die Summe der Motive ausreichend, um diesen Makel auszulöschen. “Schwesternmord” ist eine ebenso unterhaltsame wie verstörende Geschichte, die uns unterbewusst einen Ausschnitt aus der Tragik unserer Realität zeigt.

Edgar Wallace: Der Fälscher

Edgar Wallace gehört zu den produktivsten Kriminalautoren seiner Zeit. Seine Geschichten wurden zahlreich verfilmt und vertont und erreichten Kult-Status.

Mit “Der Fälscher”, einer düsteren, rasante Komplottentwicklung, rückt Wallace das Innenleben der Protagonistin Jane in den Vordergrund. Als einzige Tochter des finanziell in Nöten geratenen John Leith findet sich diese quasi ehelich verkauft in den Armen eines Bräutigams, den sie im Laufe der erzählten Zeit kennen lernt – mit allen Vorzügen und dunklen Geheimnissen. Jane stolpert in einen Sumpf aus Lügen, Gefälligkeiten und Vertuschungen. Wem kann sie trauen, wenn Korruption um sich greift und ein kriminelles Genie den Markt mit Falschgeld flutet?

“Der Fälscher” gelangte auch als Hörbuch und Film – meist unter den Titel “Der Fälscher von London” – in die Medien. Das Buch allerdings zeigt eine rasante, blutige Entwicklung, die Wallace geschickt mit Spannung und Witz unterstützt. Leider ist der Erzählstil sehr verworren; zum Teil sind die Intentionen der Charaktere weder aus dem gesprochenen Wort noch aus dem Kontext zu erkennen. Alles scheint verschworen, geheimnisvoll und undurchsichtig. Dies frustriert den Leser und lässt nach Abschluss des Falls mehrere Fragen offen oder stellt die Herangehensweise und Aufarbeitung des Falles in Bezug auf Logik in Frage. Auch der Anlass, der zur Enttarnung des kriminellen Genies führt, ist sehr banal gewählt.

Dennoch dient “Der Fälscher” für einen kurzweiligen Krimi-Spaß, der zwar seine Schwächen hat, aber mit einer ungewöhnlichen Ausgangssituation und dem notwendigem Witz aufwartet.

Wallace, Edgar: Der Fälscher. 1990. ISBN 3-355-01097-9 Verlag Neues Leben

Donna Leon: Acqua alta

Altes hat sich bewährt. Getreu diesem Sprichwort lässt Donna Leon im fünften Fall ihres Commissario Brunetti den Ermittler mit Charakteren ihres Debütromanes zusammentreffen. Auch Quereinsteiger werden merken, wie geschickt es Leon gelingt, ihren Figuren Tiefe zu geben, indem sie sie Raum und Zeit aussetzt.

Besonders die Witterung hat diesmal großen Einfluss auf das, was als Mix aus klassischen Krimi, gefühlvoller Selbstfindung und örtlichen Flair bislang neunzehnmal zum Erfolg geführt hat. In Leons Werk findet sich eine Lebendigkeit und Vertrautheit wieder, die den Leser direkt zum Ort des Geschehens bringt.

Vielleicht ist es die Natürlichkeit, mit der sie die Figuren handeln, lieben und leiden lässt. Ungezwungen fixiert auf die Dinge, die eine Persönlichkeit ausmachen und das eigene Glück festigen, ist es ebenso unterhaltsam Brunetti beim Reflektieren über sein Leben, seine Familie und seine Freunde bzw. Kollegen über die Schulter zu sehen wie einer groß angelegten Verschwörung hinterher zu jagen.

Es sind die clever gesponnen, unterschiedlichen Fäden eines Netzes, das den Leser gefangen hält. Hat man sich einmal darin verfangen, hilft nur eines: Avanti!