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Hari Kunzru: grayday

Ein Virus, dass analoge wie digitale Welt befällt und sie in einem Chaos an Gefühlen, Matrizen aber auch Möglichkeiten zurücklassen. Hari Kunzru verschafft dem Leser mit “grayday” einen lehrreichen, unterhaltsamen Einblick in mehrere Gesellschaftsschichten.

Der junge Software-Experte Arjun Mehta versucht verzweifelt, an seinem Lebenstraum in den USA festzuhalten, doch ihm droht in Folge seiner Kündigung die Rückkehr nach Indien. Als er ein Virus ins Netz speist, welches er in der Rolle des strahlenden Ritters vor seinen Abteilungsleitern bekämpfen will, gerät die Welt, wie die Menschheit sie kennt, aus den Fugen.

Der Grundtenor des Romans ist ebenso geteilt wie die Handlungsstränge und Motive der Charaktere. Einserseits durchleuchtet Kunzru das verzweifelte Gefangensein eines Emigranten zwischen den Stuhlbeinen einer kapitalorientierten, werteverachtenden Gesellschaft, andererseits blitzt zwischen den Zeilen Spott und Hohn über sklavische Tradition und dogmatischen Gehorsam auf. Ein Virus hat die Fähigkeit, die Daten des infizierten Rechners durcheinander zu bringen. Auch das Leben der vier Protagonisten wird am Ende des Romans auf dem Kopf gestellt sein.

Neben der ausführlichen Beschreibung verschiedener Gesellschaftsstrukturen in ihren Höhen und Tiefen besticht “grayday” mit einprägsamen Metaphern. Der Leser wird zu Beginn der Handlung vertraulich in der Du-Perspektive angeredet und fühlt sich sofort von den Ereignissen betroffen.

Eine Schwäche des Romans ist das langatmige Aufrollen der Handlungsstränge, die bis auf den Virenbefall und dessen Folgen keine Berührungspunkte besitzen. Warum wurde die Geschichte des Geschäftsmannes Guy Swift und die seiner Freundin erzählt? Warum diese und nicht das Schicksal der Bürokauffrau in der Firma gegenüber? Obwohl die Handlungen logisch aufgerollt werden, fehlt ihnen der zwingende Funken Notwendigkeit, der die Stränge zu einem Gesamtwerk verbindet. Das Ende enttäuscht in seiner Schlichtheit. Mit schwarz-weißen Fakten und ungeklärten Grauzonen wirkt es zu konstruiert, um die digitale Pandemie würdig abschließen zu können.

Kunzru, Hari: grayday. 2005. ISBN 978-3896671967 Karl Blessing Verlag